Kein Internet ist auch keine Lösung

Mein Router ist vor ein paar Tagen gestorben, deshalb sitze ich seit Tagen bei mir in der U-Bahnstation und netflixe. Ich hab ’s mir da mittlerweile auch richtig gemütlich gemacht, ein bisschen blöd ist nur, dass die U-Bahn unter der Woche um 1 zu macht. Und jetzt schnorre ich mich bei Freunden durch.

„Komm schon Tina, du hast doch ’ne Flat!“

„Isa, du hattest jetzt genug!“

„Komm schon, nur noch eine Folge, is‘ die letzte, versprochen.“

„Nee, ich muss jetzt schlafen, geh endlich heim!“

„Tina, bitte, ich brauch das, sonst kann ich nicht einschlafen.“ Tina schiebt mich sanft zur Tür.

„Okay! Tina okay! Ich geh schon, fass mich nicht an, ich geh von alleine! Alles cool!“

Auf dem Absatz drehe ich mich noch einmal um.

„Weißt du was?! In der Jeans hast du einen richtig fetten Arsch!“, und dann bin ich raus und sie knallt die Tür hinter mir zu.

„Tina, komm schon, es war so nicht gemeint, lass mich wieder rein, komm wir vertragen uns!“

„Hau ab!“

Ihr Nachbar, der gerade heimkommt, steht mit dem Schlüssel in der Hand da und starrt mich an.

„Was gibt ’s da denn zu glotzen?“

Ich drängle mich an ihm vorbei und schlurfe ruhelos mit meinem Laptop im Rucksack durch die Straßen. Es regnet, mal wieder, immer noch, wer weiß das schon so genau. Tag und Nacht haben für mich keine Bedeutung mehr. Ich bin immer auf dem Sprung, immer auf der Suche, versuche hier und da ein bisschen Wifi abzugreifen, aber es reicht nie, es ist nie genug, ich brauche immer noch ein bisschen mehr. Ich umschließe meinen Rucksack noch fester, um die wertvolle Fracht im Inneren vor dem Regen zu schützen. Den Schirm habe ich schon lange für ein paar Minuten versetzt.

Es ist dunkel auf den Straßen, nur ein zartes Flackern erreicht meine Augen von einem Fenster. Eine junge Familie sitzt im Wohnzimmer, auf dem großen Flat -Screen läuft Fußball und die Frau shoppt gerade online. Es sind verdammt hässliche, schlick-farbene Gummistiefel und als ich an die Scheibe klopfe, um ihr das zu sagen, reißt sie mit verständnislosem Blick die Gardine zu. Soll es das schon gewesen sein? Ich überlege angestrengt, wo ich jetzt noch ein paar Megabyte schnorren kann.

Da entdecke ich ein Mädchen, das an einer verwaisten Bushaltestelle sitzt. Sie hat ein Android in der Hand. „Bingo“, denke ich.

„Hey, Kleine… hast du ’n Hotspot?“ Doch auch sie scheint keinerlei Mitleid mit mir zu haben. – Im Gegenteil. Sie sieht mir panisch in die Augen, springt auf und rennt davon. Mit ihrem Handy.

Ich sehe ihr noch lange nach bis ich meinen Körper aufraffen und mich weiter schleppen kann. Irgendwann finde ich eine Eckkneipe. In dem ranzigen Lokal scheinen sich die Nachtschwärmer zu tummeln.

„Habt ihr W-Lan?“, rufe ich der barbusigen Frau hinter’m Tresen zu. Doch sie zieht nur die Augenbrauen zusammen und schüttelt energisch mit dem Kopf.

„So’n Laden sind wir hier nicht!“

„Was suchst du denn?“, meldet sich jetzt auch der Mann neben mir zu Wort und mustert mich dabei mit lüsternen Blicken. Ich pule nervös an meinen Nägeln.

„Ich seh‘ doch, dass du was Bestimmtes suchst. Der Manni besorgt es dir.“

Jetzt werde ich doch ein bisschen unruhig, sehe auf mein Handy: eine Pushnachricht von Netflix, die neue Staffel Modern Family und New Girl.

„Ich will nur ’n bisschen streamen. Nichts Hartes.“ Aber dann muss ich meiner Verzweiflung Luft machen.

„Ich hab auch schon meinen Provider angerufen und der neue Router ist schon auf dem Weg. Dienstag sagt der, spätestens Mittwoch ist er da. Ich brauch nur ’n bisschen was für die Zeit dazwischen. Eine Folge, vielleicht zwei am Tag.“

Manni lehnt sich zu mir rüber. Sein Atem riecht nach abgestandenem Bier und Zigarillos.

„Ich hab DSL bei mir zu Hause, da schießen dir 50 Mbit pro Sekunde durch die Elektronik.“

Und für den Bruchteil einer Sekunde kann ich mich von außen sehen.

„Ich… glaub, ich werde ab heute wieder Bücher lesen.“

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