Hauptmann von Friedrichshain

Ich stehe aus meinem Bürostuhl auf, um eine zu rauchen und erschrecke mich kurz. Das Nebengebäude, das gerade gebaut wird, verdeckt jetzt die Spitze des Fernsehturms. Noch vor ein paar Monaten  konnte ich ihn fast ganz sehen. Er ragte aus der Skyline wie ein riesiger, schöner Penis, aber jetzt war er weg. Selbst wenn heute keine Wolke am Himmel wäre, könnte ich die Sonne nicht sehen. „Dämliches Gebäude!“, denke ich.

Nebenan war früher eine Wiese. Jetzt steht da ein fast fertiger grauer Klotz, in Himmelgrau. Matschiges Schlechtelaunegrau. „So ein Mist!“, denke ich mir auf dem Weg nach unten. „Hässlicher Klotz!“, und stecke mir meine Zigarette an. Kaum noch Himmel zu sehen. Dann fasse ich einen Entschluss. Ich gehe auf das Gebäude zu, nehme noch einmal einen tiefen Zug von meiner Kippe und klettere über den Zaun.

„Abbaun!“

„Wie bitte?“, will der erstbeste Bauarbeiter wissen, der mir entgegen kommt.

„Allet wieder abbauen!“, sage ich mit der Kippe im Mundwinkel.

„Wer bist du überhaupt?“

„Wer ick bin? Die neue Bauleiterin. Und jetze hoppi galoppi!“

Ich setze mir einen herumliegenden Helm auf. Er riecht ein wenig und ist mir viel zu groß, aber er unterstreicht meine neue Rolle als Respektsperson.

„Chefe hat jesagt, die Bauvorschriften wurden nich einjehalten. Ick meen, kiek dir die Notausgänge hier doch ma an!“ Ich zeige in eine willkürliche Richtung. „Dat muss jetze allet bis auf die Grundmauern niederjerissen werden und dann machen wa dat noch mal von vorn. Sag dem ( ich zeige auf einen der Kräne )äh… wie heißt er noch…“

„Hartmut?“

„Ja, jenau, sag dem Hartmut, der soll den Krempel wieder zurück schwingen, der Erwin kommt gleich mit’m LKW und dann machen wir die Bude hier wieder dem Erdboden gleich!“

„Also, ehrlich gesagt…“

„Nach dener Meinung hat hier niemand jefragt, hab heute schon 3 Leute entlassen, brauchste den Job oder willste deenen Helm gleich zum Arbeitsamt schleppen?“

„Der ist Firmeneigentum.“

Mach de Oogen zu, denn weeßte, wat dir jehört. Das is deine Abfindung, und jetze raus hier!“

„Holger, die Frau da sagt, sie wäre die neue Bauleiterin.“

„Na, das wüsst ich aber, wa?! Tach! Holger, Bauleiter.“

„Tja, bist wohl die längste Zeit Bauleiter jewesen! Jestern hat Chefe bei mir angerufen, du bist raus aus der Nummer. Pfusch am Bau! Wenn ick du wäre, würde ich schon mal ‘ne Nummer beim Amt ziehen. Ick muss hier arbeiten oder soll ick den Obermufti hier mal anrufen und sagen, dass du Terror machst? Dann bekommste von hier bis nach Holland keenen Job mehr. Unerhört! Erst die Kiste an die Wand fahren und dann noch aufmucken! So und jetzt Abfahrt!“

Holger ringt mit den Tränen, entscheidet sich aber dann doch dafür, dass ihm seine Familie wichtiger ist und er sich eine ruinierte Karriere nicht leisten kann.

Wenige Tage später ist das Dach endlich weg.

„Na Martin, is wie beim Domino, wa? Abreißen jeht immer schneller als Aufbauen.“

Ich schlage mit meinem Vorschlaghammer gegen eine Betonmauer.

 

„Isa?“, höre ich von der anderen Seite des Bauzauns. „Isa, versuchst du, mich zu ignorieren?“

„Pssst, Janina?“

„Was machst du da?“

„Arbeiten! Sieht man doch.“

„Isa, wir haben uns im Büro Sorgen gemacht.“

„Martin, hol mal 2 Käffchen!“

„Ok, Chef!“

„Ach und Martin?“

„Ja, Chef?“

„Wo’s nich glatt ist, kannste rennen!“

Kaum ist Martin verschwunden, beginnt Janina wieder:

„Isa, du hast doch aber einen Job!“ Sie deutet auf den Bürokomplex auf der anderen Straßenseite.

„Ach Janina, es kommt mir vor, als wäre dies ein anderes Leben gewesen.“

„Sag mal, ist dir was auf den Kopf gefallen?“

„Janina, frag nicht, was die Gentrifizierung gegen dich tut, frag, was du gegen die Gentrifizierung tun kannst!“

 

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